Ein Klassiker der Dolomiten stand an! Die Monte Civetta mit ihren 3.220m Höhe war nach einem Tag Pause nach der harten Monte Pelmo Tour der zweite Berg in den Ampezzaner Dolomiten, den Berni und ich besteigen wollten. Wetter blieb konstant und das war gut so, denn wir hatten mit unserer Kraft und Risikobereitschaft genug zu tun. Es ging den Degli Alleghesi Klettersteig (C) rauf und den Attilio Tissi Klettersteig (C/D) wieder runter. Das hieß viele Höhenmeter in oftmals exponierter und atemraubender Umgebung!
Berni auf der Civetta

Die Civetta, was auf Deutsch Eule heisst ist ein Gebirgsmassiv welches nach Westen steil 1000m abfällt. Die legendäre Nordwestwand ist die größte Steilwand in den Dolomiten und ist daher ein der wichtigsten Wände in der Klettergeschichte der Alpen. Eine lange Tour war vor uns und die Kraftreserven waren beim Monte Pelmo vor zwei Tagen schon ziemlich aufgebraucht worden.

Aufstieg

Wollten an und für sich die Tour in der Früh mit der Liftfahrt rauf in die Nähe des Rifugio A. Sonino al Coldai auf 2132 Meter starten. Da der Lift aber erst um 08:30 Uhr in Betrieb ging, wir da aber schon dem Gipfel nahe sein wollten, entschieden wir uns am Tag davor zu Fuß rauf zu gehen und auf der Hütte zu übernachten.

Zum baldigen Tourstart trieb uns einerseits die Dauer die mit etwa elf Stunden reiner Gehzeit angegeben ist und das Wetter, welches für den späten Sonntag wieder einmal stellenweise Gewitter meldete, was bei einem Klettersteig wirklich gefährlich ist.

Somit packten wir unsere Sachen und kamen dann um 21:45 Uhr auf der Rifugio Coldai knapp vor Ladenschluss an. Checkten ein und teilten uns die Nacht mit einem Freund der besonders schnarchenden Art. Dies und meine innere Anspannung vor einer Tour die ich schwer einschätzen konnte machten mir das Einschlafen schwer, obwohl der Körper dringend Ruhe benötigte.

Rifugio Coldai

Rifugio Coldai

Um Fünf leutete uns das Handy raus und starteten den langen Tag bereits um Sechs mit einer traumhaften Aussicht. Die Sonne war am Aufgehen und erleuchtete das Herz der Dolomiten mit einem Lichtfächer. Der Monte Pelmo war direkt vor uns und dahinter ging die Sonne auf. Dies war bereits jetzt Belohnung genug und jede Minute Quälerei wert.

Monte Pelmo bei Sonnenaufgang

Monte Pelmo bei Sonnenaufgang

Trafen noch ein paar Alpen-Salamander, welche im morgendlichen Tau heim spazierten. Um halb Acht standen wir vor dem Einstieg des Klettersteiges. Ich gönnte mir noch ein kräftigendes Müsli mit Bananen bevor es los ging, typisch Kasi halt. 🙂

Meine körperliche Verfassung war wie schon erwähnt nicht so überragend und bereits beim Zustieg ging es ziemlich in die Beine. Schien eine Status Quo Ermittlung der sportlichen und geistigen Art zu werden.

Den auch der Schwierigkeitsgrad war nicht ohne für mich. Zwei Klettersteige an einem Tag und beide mit gehörig viel Höhenmetern und Exponiertheit, das war Neuland für meinen Körper und Geist.

Dolomitnadeln

Dolomitnadeln

Zu Beginn ging es gemütlich los, einige A und B Passagen liessen uns gut ins Klettern rein kommen. Haben nicht überall gesichert, da einige Stellen Gehgelände waren. Zweimal ging es vertikal zur Sache (C Grad) und das Adrenalin wurde zum ersten Mal angeregt. Kletterten durch wunderschönen Dolomit und sahen bizarre Felsformen. Nadeln und Türme gabs da mitten im Gebirge, in der Mitte ging es auch mal einen Grat entlang. Die Geologie und die Aussicht ins Tal war unglaublich und den Nervenkitzel bei weitem wert.

Berni beim Aufstieg über den Degli Alleghesi Klettersteig

Berni beim Aufstieg über den Degli Alleghesi Klettersteig

Bereits jetzt hatte sich meine subjektive Grenze zur Risikobereitschaft gehörig nach oben geschraubt. Neues Gelände und die Routine im Klettern machten dies möglich. Wir waren gut unterwegs, bis auf das Energieproblem in den Schenkeln halt.

Leider hatte der Aufstieg am Nordgrat die tückische Eigenschaft einem immer wieder glauben zu lasssen, dass der Gipfel nur mehr ein paar hundert Meter weg sei. Dies glaubte man so lange, bis sich hinter der anvisierten Kante wieder ein neuer Anstieg aufschloss und einem dies wieder glauben ließ. So gings einige Mal dahin, es wäre gelogen wenn ich jetzt behaupten würde, es hat mir Spass gemacht. So wurde der technisch leichte Schluss (A, B Grad) für die Oberschenkel und dem Willen noch eine ziemliche Ausdauerprobe, wie auf dem ein oder anderen Foto zu erkennen ist.

Kasi leicht erschöpft am Grat :-)

Kasi leicht erschöpft am Grat 🙂

Um Zwölf Uhr waren wir erschöpft am Gipel angekommen. Dort gab es gleich mal die schon traditionelle Kasberger-Jause mit Salami und Käse. Waren die Ersten am Gipfel, nur zwei schwäbische Biker, welche sich mit dem Rad-Helm über den Normalweg auf die Civetta verirrt hatten, waren vor uns angekommen. Die Beiden waren auf einer Trans-Alp mit den Rädern unterwegs und machten heute zwischendurch mal einen Bergtag. Ein nettes Gespräch und die schöne Aussicht liesen uns da oben eine Stunde verweilen, bis wir den Abstieg über den Tissi Klettersteig (C/D) anstarteten.

Monte Civetta (3220m)

Monte Civetta (3220m)

Abstieg

Hatte noch nie zuvor einen Klettersteig als Abstieg benutzt und war schon recht gespannt. Auf der Rifugio Torrani erkundigten wir uns noch kurz über das Wetter und gingen optimistisch weiter. Es sollte erst später Regnen und wir waren noch gut in der Zeit.

Kasi klettert ums Eck auf einer Fels-Schuppe

Kasi klettert ums Eck auf einer Fels-Schuppe

Auch beim Tissi Klettersteig starteten wir wieder die erste Hälfte ohne Anhängen. Ich querte einen Spalt – in dem es 200 Meter gerade runter ging – nur mit meinen Händen gesichert. Da auf der anderen Seite Bergsteiger warteten die den Tissi als Aufstieg benutzten, ließ ich nach der Querung sogar komplett los.

Stand also durchtränkt von Adrenalin in leicht panischer Manier auf einem glitschigen Felsen ohne Sicherung. Links gings 300 Meter rauf, rechts 200 runter. Es war wohl die dümmste Entscheidung meines Lebens, die Sicherung an dieser kritischen Stelle zu lösen und mit wackeligem Fuß auf den rutschigen Fels zu steigen. Genau an diesem Moment hatte ich keinerlei Kontrolle über mein Leben und bin heute noch sehr dankbar und heilfroh, dass damals nichts passiert ist. Dies Aktion bescherte mir einige Alpträume und erdete mich in Sachen Risikobereitschaft und Bewusstsein gehörig.

Danach ging es konstant im C Grad weiter, die Wand war oftmals nass und glitschig. Hatte dabei ein komisches Erlebnis. Ich konnte mit meinem Denken nicht mehr genau einschätzen, wo meine Grenze fürs Sichern liegt. Meine Urteilskraft zu diesem Thema wurde an diesem Tag so ausgeweitet und neu definiert, dass ich mir schwer damit tat ein Gefühl für das Risiko und das Eigenkönnen zu bekommen.

Kasi beim Abstieg über den Tissi Klettersteig

Kasi beim Abstieg über den Tissi Klettersteig

Die letzten 200 Höhenmeter wurde es dann auch mental anstrengend, da es immer schwieriger wurde die Konzentration zu halten und auch die Eindrücke der Route nicht mehr so wirkten wie zu Tagesbeginn. Kamen dann gegen drei in einem Talkessel an und leisteten uns noch einen kleinen Umweg auf dem Karstplateau, was mir zum Glück dann noch einige schöne Fotografien bescherte.

300

300

Ab vier waren wir wieder auf unseren normalen Weg unterwegs nach unten. Da unsere Kraftreserven schon lange aufgebraucht waren wurde der restliche Weg zu einer qualvollen Strapaze. Noch dazu hatten wir auch kein Wasser mehr und unsere Mägen forderten ihre Füllung ein.

Böswilligerweise hörten wir die ganze Zeit einen Bach runter sprudeln, konnten aber keinen sehen. Gingen also mit riesen Durst eine lange Stunde lang dahin, bis die Laute immer näher kamen und wir endlich das Wasser erreichten. Hier wurde zumindest der Drang nach Flüssigkeit gestillt, bevor es weiter ging.

Dann war auch schon der Ort Pecol in sichtweite und somit das erhoffte Ende der Tour. Leider gab es aber keine Öffis und die Autofahrer waren uns auch nicht freundlich gesinnt (vielleicht hatten die schon Geruchssensoren). Also gingen wir noch eine weitere Stunde der Straße entlang über einen kleinen Pass um zu unserem Auto zurück zu kommen, welches bei der Liftstation auf uns wartete.

Resumee

Die surrealen Dolomit-Wände welche wie aus einem Traum erschienen, der sehr schöne Alleghesi Klettersteig, super Ausblick am Gipfel und eine sportlich und körperlich gesehen neue Maßstäbe setzende Leistung machten diesen Tag zu etwas ganz Besonderem.

Im nachhinein gesehen machte ich bei dieser Tour einige grobe Fehler, die sogar mein Leben in Gefahr gebracht haben. Zumeist um schnell unterwegs zu sein oder nicht langsamer als Bernhard und hängte mich an einigen kritischen Punkten nicht ein oder aus. Einmal hatte ich sogar so wenig Kontrolle über die Situtation, dass ich heute dankbar sein muss nicht in den Tod gestürzt zu sein. Aber auch das Abhängen an relativ einfachen Passagen kann durch subjektive Gefahren wie Steinschlag lebensbedrohlich enden.

Es muss ein jeder für sich selber entscheiden wo er seine persönliche Grenze in Sachen Risikobereitschaft zieht ! Grundsätzlich eher defensiv würde ich jetzt im Nachhinein empfehlen.

Alles in Allem hat die Tour laut Pulsmessgerät ~7000 Kalorien verbrannt und 12 Stunden gedauert. Eine Leichtigkeit war die Tour nicht, meine Füße zeigten mir das danach ganz klar. Habe in den drei Tagen rund um Cortina d’Ampezzo einige Kilos abgenommen, was nicht hauptsächlich am wenigen Essen lag, sondern am vielen Bewegen und dem Flüssigkeitsverlust. Den Energieverbrauch kann Mensch durch normale Nahrungsaufnahme nicht auffüllen.

Bernhard war wieder unglaublich fit und konnte mich immer wieder anspornen.

Generell waren die drei Tage in den Dolomiten sehr einflussreich und prägten mein Leben in einem Ausmass, dass ich erst heute so wirklich anfange zu verstehen. Neben dem Bergsteigen und Klettern konnte mich gerade die Natur mit ihren bizarren geologischen Felsformen und intensiven Farben zutiefst berühren. War die schönste und wahrscheinlich auch die wichtigste Bergtour meines Lebens. Grenzen wurden neu gesetzt und der nächste Level im Alpinismus erreicht.

Ein kleiner Junge, der dachte er hätte schon viel gesehen, wurde eines besseren belehrt.

Details zur Tour

  • Tour: Parkplatz bei Palafavera Camping – Rifugio Coldai (2.132m) – Monte Civetta (3.220m)- Rifugio Torrani (2.984m) – Pecol – Parkplatz bei Palafavera Camping
  • Höhenmeter: ~2000m
  • Dauer: 11 Stunden
  • Charakter: Sehr anstrengende Tagestour bei der der wunderschöne und abwechslungsreich Degli Alleghesi Klettersteig (C) als Aufstieg verwendet wird. Runter geht es ebenfalls einen Klettersteig, nämlich den Attilio Tissi (C/D). Zusammen wohl eine der schönsten Touren in den Alpen!
  • Besonderheiten: rohe Geologie, Karstplateau, abwechslungsreiche Klettersteige, Weitsicht im Herzen der ampezzaner Dolomiten (Pelmo, Marmolata, Tofane di Rozes), Rundkurs mit zwei unterschiedlichen Klettersteigen
  • Anfahrt: Von Cortina d’Ampezzo kurz in Richtung Passo Falzàrego, dann links über den Passo Giau nach Selva di Cadore. Dort abermals links und über Pescul bis Palafavera kurz vor Pecol. Von Süden: Nach Longarone und links über Forno di Zoldo und Dont bis Pecol, von dort ein paar Kehren bis Palafavera.
  • Karte: Tabacco WK 015, Civetta; Kompass WK 55, Cortina d‘Ampezzo
  • Führerliteratur für diese Region:
    Klettersteigführer Dolomiten, Südtirol, Gardasee – Axel Jenzsch Rabl;
    Klettersteig-Atlas Dolomiten & Südtirol, Band 2, Italien Nord – Hoch, Rüttinger, Beeler;
    Hüslers Klettersteigatlas Alpen – Hüsler, Eugen;
    Klettersteige Dolomiten – Höfler, Horst; Werner, Paul;

Links:

Monte Civetta (3.220m) mit Berni

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